4117 Alte Schule Wurmannsquick.

4117 neubau mit schiebelaeden offen neu

 

Die ‚Alte Schule’ wurde 1901 als Schulgebäude mit drei Schulzimmern und drei Lehrerdienstwohnungen errichtet. Sie wurde im inneren immer wieder umgebaut, und an die Anforderungen des Schulbetriebs angepasst. Nach der Errichtung der neuen Schule in den späten siebziger Jahren wurde das Haus vom Schützenverein und anderen Wurmannsquicker Vereinen genutzt. Auch die Pfarrbücherei kam ins Haus.

Immer war das Haus für die Wurmannsquicker ein lebendiger Teil der Identität des Ortes. Nicht zuletzt, weil viele noch selbst dort zur Schule gegangen waren, aber auch weil das Haus mit seiner prächtigen Sichtziegelfassade einen unverwechselbaren Orientierungspunkt im Ort darstellt.

 

4117 fassadenausschnitt bestand mit fenstern

 

 

Im Jahr 2007 entschloss sich die Marktgemeinde, das sanierungsbedürftig gewordene, denkmalgeschützte Haus instand zu setzen. Die bestehenden Nutzungen sollten erhalten, ihre räumliche Situation verbessert werden. So war die Bücherei in ihren Räumen im Obergeschoss nicht barrierefrei zugänglich, und die Schützen mussten mit nur sieben Schießbahnen in zwei getrennten Räumen zurecht kommen. Ein Raum für Bürgerversammlungen und gemeinsame Aktivitäten fehlte schon lange.
Die Untersuchung vieler Lösungsansätze zeigte, dass vor allem der Raumbedarf der Schießbahnen im alten Haus zu erheblichen Eingriffen führen würde. Um dafür Platz zu schafffen, müssten jeweils zwei Klassenräume zusammengelegt oder der Dachraum in die Nutzung einbezogen werden.

Die Idee eines eigenen Schützenhauses an anderer Stelle im Ort wurde diskutiert und wieder verworfen: die Schützen hingen an dem Haus, und mit ihnen hätte ein lebendiger Teil der Gemeinschaft die Ortsmitte verlassen. Eines der üblichen Schützenhäuser mit abweisenden Fassaden der Schießbahnen und einzig ein paar Fenstern im Aufenthaltsraum neben das historische Haus zu setzen, kam für die Marktgemeinde nicht in Frage. An dieser Stelle kam die Topographie dem Projekt zu gute: um bei dem deutlich fallenden Gelände und schwierigen Baugrund ein Gebäude bauen zu können, wären schon große Fundamente erforderlich gewesen. So war der Schritt, die Schießbahnen in das Untergeschoss zu legen und damit im Erdgeschoss einen zusätzlichen großzügigen Raum zu gewinnen, nahe liegend und für das historische Gebäude eine spürbare Entlastung.

 

4117 neubau ausschnitt schiebelaeden


 

Der Anbau sollte als sichtbar moderne Ergänzung nicht mit dem historischen Gebäude konkurrieren, sondern in einer eigenständigen Architektur daneben bestehen. Große Schiebelemente bieten Schutz gegenüber der nahen Hirschhorner Straße und der Sonne, erlauben aber auch die Öffnung zum Ort und in die Landschaft. Die Hülle soll neugierig machen auf das, was im Haus passiert. Flachdachkonstruktion, Dachbegrünung, raumhohe Fensterflügel boten ebenso Anlass für Diskussion wie die geölte schwarze Box im Inneren des Mehrzweckraumes, die die erforderlichen Nebenräume aufnimmt. Mutige Entscheidungen und offene Diskussionen im Marktrat haben in allen Fällen zu einer von einer breiten Mehrheit getragenen Entscheidung für sinnvolle Qualität und Konsequenz in der Architektur geführt.

 

4117 Flur mit historischer Treppe

 

Ziel der Sanierung des Bestandsgebäudes war von Anfang an der respektvolle Umgang mit den noch vorhandenen bauzeitlichen Strukturen im Haus, allem voran der Sichtziegelfassade. Deren Restaurierung durch einen Berliner Kunstmaler und Restaurator wurde von den Wurmannsquickern anfangs skeptisch, später zunehmend interessiert und anerkennend verfolgt. Wer die Fassade richtig liest, findet über 100 Jahre Geschichte darin - von den Pfotenabdrücken, die ein Marder in den auf dem Feld zum Trocknen ausgelegten Ziegelsteinen hinterlassen hat, über die schon in der Bauzeit getroffenen Änderungsentscheidungen, die ein Unterzugauflager gerade über einem Fenstersturz erforderlich machten bis zu den im Aborterker brachial vergrößerten Fenstern.

Die liebevolle Restaurierung hat diese Spuren nicht verdeckt, sondern erhalten - sie sind Zeugen der Geschichte des Schulhauses.

Der mehr als hundert Jahre alte Fliesenboden, die vernehmlich knarzende historische Treppe, Putzoberflächen soweit sie zu erhalten waren, auch eine in den Wandputz eingebettete Schultafel zeugen im Inneren des Hauses von der langen Nutzungsgeschichte. Nicht nur aus Kostengründen war 'Neubaustandard' kein Thema, auch weil gerade die Spuren der Zeit und die sorgfältig aber handwerklich ausgeführten Details und Oberflächen den Wurmannsquickern vertraut waren, und so wenig stören wie die Falten im Gesicht eines lieben Freundes.

An der Struktur des Hauses gab es wenig zu tun, der alte Entwurf mit Mittelflur und seitlichen Klassenräumen ist so flexibel und sinnvoll, dass er die nächsten hundert Jahre auf neue Nutzungsbedingungen reagieren kann. Frühere Eingriffe wurden zurückgebaut, die ursprüngliche Ordnung wieder hergestellt.

Mit Augenmaß und manchmal langer Bedenkzeit hat auch hier der Marktrat sich in allen wichtigen Entscheidungen für eine denkmalgerechte Lösung entschieden: keine bei der Nutzungsfrequenz übertriebene Dämmung, sondern warme Füße und eine Mütze für das Alte Haus, wo man es nicht sieht. Kastenfenster mit den schlanken Profilquerschnitten, die nur eine Einfachverglasung erlaubt, ergänzt um eine innere Isolierverglasung. Die Wärme kommt aus einer Pelletsheizung im Keller des Anbaus, über eine Wandtemperierung hilft sie die Wände trocken zu halten. Die massive Dielenböden sind nicht nur haptisch und optisch schön, sondern auch genauso schief geglieben, wie zu Zeiten der alten Schule.

Das wenige Neue - die Innentüren, die neue Technik, fügt sich, handwerklich ausgeführt, zurückhaltend ein in das, was schon da war.

 

4117 Innenraum Aufenthalt Blaeser

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